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Zum Gedenken an Wolfgang Seidel

Unser Kollege Dr. Wolfgang Seidel ist am 20. Februar 2017 völlig unerwartet und viel zu früh verstorben. Er war seit 1991 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut. Sein Arbeitsgebiet war die experimentelle Astroteilchenphysik, insbesondere die Suche nach Teilchen der dunklen Materie mit Detektoren, die auf der Anwendung sehr tiefer Temperaturen basieren.

Dr. Wolfgang Seidel (Foto: K. Schäffner)

Wolfgang Seidel war ein Pionier dieses überaus erfolgreichen Detektorkonzepts, das heute mit verschiedenen Anpassungen in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen erfolgreich eingesetzt wird. Die vielversprechenden Ergebnisse seiner Doktorarbeit, die er bei Prof. Rudolf Mößbauer an der Technischen Universität München durchführte, waren der Startpunkt für die spätere weltweite Entwicklung von kalorimetrischen Detektoren mit supraleitenden Phasenübergangsthermometern mit SQUID-Auslese.

Seine damalige Entwicklung war davon motiviert, neue Möglichkeiten für den Nachweis des neutrinolosen doppelten Beta-Zerfalls, der kohärenten Streuung von Neutrinos an Atomkernen und der damals noch sehr exotischen Teilchen der dunklen Materie zu schaffen. Um diese multidisziplinäre Entwicklung erfolgreich durchführen zu können, baute er die komplette Infrastruktur im Labor auf, er konzipierte und fertigte die Detektoren. Die Analyse und das Verständnis der neu gewonnenen Ergebnisse halfen ihm, die Detektoren weiter zu verbessern. Der Vortrag über seine Arbeiten war der Höhepunkt des Low Temperature Detector Workshops 1989, der dem von ihm entwickelten Detektorkonzept international zum Durchbruch verhalf.

Nach seiner Doktorarbeit wechselte er an das Max-Planck-Institut für Physik, um die Entwicklung an seinem Detektorkonzept weiter voranzutreiben. Ein Meilenstein dabei war die weltweit erste Herstellung von Wolfram-Filmen mit der sehr tiefen Sprungtemperatur von 15 Millikelvin, die sonst nur mit hochreinen Einkristallen erreicht wird. Bedingt durch den Herstellungsprozess weisen dünne Wolfram-Filme üblicherweise wesentlich höhere Sprungtemperaturen auf.

Dieser Erfolg beruhte auf einer komplexen UHV-Aufdampfanlage, die er im Verlauf seines ersten Jahres am Institut aufgebaut hatte. Wegen der Sensoren aus diesen Wolfram-Filmen war es erstmals möglich, mit größeren Detektoren Energieauflösungen von 100 Elektronenvolt zu erreichen. Das gab uns damals den Anstoß, auf Basis dieser Detektoren ein Experiment zur Suche nach hypothetischen Teilchen der dunklen Materie im Gran Sasso-Untergrundlabor in Italien vorzuschlagen.

Bei der Konzeption und dem Aufbau des CRESST-Experiments hat Wolfgang Seidel die große Aufgabe übernommen, einen Kryostaten und die Infrastruktur zu entwickeln, mit der sich tiefe Temperaturen im Bereich von 5 Millikelvin und eine Umgebung mit extrem niedrigem radioaktiven Untergrund für die Detektoren realisieren ließen. Hier brachte er seine großen Stärken zur Geltung: Genau zu wissen, welche Aspekte extreme Sorgfalt und Aufmerksamkeit erfordern – und wo sich Dinge vereinfachen lassen. Er verlor nie das Ziel aus den Augen: Am Ende ein Experiment zu haben, das gut und langfristig zuverlässig funktioniert. Das ist ein seltenes Talent, das angesichts der vielfältigen Entwicklungen für das Experiment extrem wichtig war.

Wir verlieren mit Wolfgang Seidel einen Wegbereiter, einen geschätzten Kollegen und nicht zuletzt einen guten Freund, den wir sehr vermissen. Er wird nicht nur im CRESST-Experiment fehlen.